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Eröffnung – Eva Bur am Orde „Zeitgeist“

  • 26 März 2012
  • Dr.Barbara Stempel
  • Ausstellung

Zu Beginn kurz ein paar biographische Daten, da die Künstlerin vielen unbekannt sein dürfte. Eva Bur am Orde hat bislang – entgegen ihres Namens – ein Wanderleben geführt.




Abstand


Geb. in Essen, ist sie in Rottweil und Bochum aufgewachsen, studierte Archäologie und Philosophie in Münster, Sprachen in Berlin, reiste viel und begann schließlich in München mit Innenarchitektur an der Akademie der Bildenden Künste. Sie wechselte schließlich an den Lehrstuhl für Malerei und Große Komposition. Prägende Lehrer wurden Franz Bernhard Weißhaar und an der Städelschule in Frankfurt Hermann Nitsch. Ein längerer Frankreichaufenthalt schloss sich an, seit 2007 hat Eva Bur am Orde ihren Wohnsitz und nun auch ihr Atelier in Rottweil. Seit 1993 fanden zahlreiche Ausstellungen im In- und Ausland statt.


Ein Besuch Eva Bur am Ordes in Leipzig gab den ausschlaggebenden Impuls, die Ausstellung „Zeitgeist" zusammenzustellen, die als Wanderausstellung geplant und im Anschluss nach Essen, ihren Geburtsort, gehen wird. Die Künstlerin nennt verschiedene historische Ereignisse wie die Universitätsgründung, die Leipziger Disputation zwischen Martin Luther und Johannes Eck, die Gründung des Börsenvereins, die Bedeutung als Messestadt, die Friedliche Revolution, die Leipzig für sie zu einem der führenden geistigen Zentren in Europa machen. Offensichtlich hat es ihr auch ein anderer Geist – der Genius loci – angetan, den man als eng verwandt mit den Zeitgeist beschreiben
könnte. Beeindruckt war die Künstlerin u.a. von der harmonischen Atmosphäre des Gohliser Schlösschens, auch als Ruhepunkt inmitten in der sich immer verändernden Stadt. In solchen historischen Begebenheiten spiegelt sich der jeweilige Zeitgeist, der aber immer darüber hinaus geht und wahrlich schwer zu fassen ist. Doch habe ich den Eindruck, dass sich Eva Bur am Orde dieser Aufgabe in ihren Malereien stellt. Und vielleicht gelingt es tatsächlich besser, einen Zeitgeist sichtbar werden zu lassen, wenn man ihn auf eine Leinwand bannt. Bilder sprechen oft Bereiche in uns an, die sich der Begrenzung und Logik der Sprache und des Denkens entziehen, die Stimmungen evozieren, uns tiefere Sinnschichten aufschließen. In den Arbeiten, die sie für die Ausstellung auswählte, präsentiert sie uns Werke der letzten Jahre. Es sind meist figurative Motive: Köpfe, Gestalten, Fabelwesen. Durch Farbe, Größe und Format, durch Nahsichtigkeit und direkten Blickkontakt gewinnen die Bilder ihre Präsenz, unterstützt durch die skulpturale Anmutung der 10 cm tiefen Leinwand-Objekte vor der Wand und den mehrschichtigen Farbauftrag. Auffällig sind die runden Formate – der Kreis steht für Ganzheit, Vollkommenheit, Abgeschlossenheit. Die Darstellungen erscheinen unserer gegenwärtigen Welt zugehörig. Die flächige Formensprache, die Betonung der Linie sowie die leuchtende Farbigkeit sorgen für ein leichtes Erfassen, sie erinnern an Graffiti, Pop Art und Werbung. Vermitteln Lebenslust und Freude. Doch irritieren die ornamentalen, oft runden Formen im Hintergrund, die auch auf die Gestalten selbst übergreifen. Sie verfremden, formen Unbewusstes, bringen Bewegung ins Geschehen, werden zu Mittlern von eigentlich unsichtbaren Kraft- und Energieströmen. Die hier ausgewählten Themen wiederholen sich im Zeitenlauf, Altes und Neues greifen ineinander. Dieses Changieren zwischen Sinnebenen sowie zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zeichnet die Arbeiten von Bur am Orde aus. Eine wichtige Rolle spielen dabei die Titel. Sie verweisen auf Mythos und Geschichte, auf Legenden und Symbole, die zeitlos menschliche Erfahrungen auf den Punkt bringen und somit die Bilder in ein Netz vielfältiger Verbindungs- und Assoziationslinien verweben.




Auf einige Werke möchte ich hinweisen. Verstehen Sie das bitte als Anregung für eine Betrachtung. Jeder von Ihnen wird eigenen Zugang finden. Als ich mir die Auswahl das erste Mal anschaute und nach einer Zeitgeist-Verbindung nach Leipzig suchte, fiel mir vor allem der „Götterbote" ins Auge. Hermes / Merkur ist als Gott der Kaufleute, Händler, fahrenden Leute und der Diebe, schließlich so etwas wie der heimliche Schutzgott der Messe- und Geschäftsstadt Leipzig. Wer aufmerksam durch die Straßen geht, wird seine Gestalt an vielen Stellen finden. Eva Bur am Ordes Götterbote hat etwas Barockes, Zupackendes: Er scheint Sinnlichkeit und Wachheit zu vereinen. Der hypnotisierende Blick aus weitgeöffneten Augen, die fleischige Nase, der geöffnete Mund, der Kranz aus ornamenthaften Strahlen oder Haaren, die seine Energie in alle Richtungen schießen lassen. Ein schönes Sinnbild für die reiche, selbstbewusste und genussfreudige Bürgerstadt Leipzig mit ihren vielen großzügigen barocken Bauten. Direkt daneben: Oiseau du Feu. Kaum mehr gegenständlich zu nennen,versinnbildlicht dieses dynamische Gebilde für mich wunderbardas magisch glühende Wesen aus dem russischen Märchen – den Feuervogel – sprühend vor roter Energie und Hitze, die verbrennt und erleuchtet, Unheil und Segen gleichermaßen bringt. Hier entsteht durch hellere und dunklere Partien tatsächlich so etwas wir Räumlichkeit – doch entzieht sie sich – stößt nach außen in den Raum – und zieht sich gleichzeitig ins Bild zurück. Und es entsteht Rhythmus, der die Musik Strawinskys mitklingen lässt. Rechterhand einige Charakterköpfe, wie ich sie mal nennen will, die für einen Wesenszug stehen, Typen versinnbildlichen. „Der blaue Engel": eine junge, sprühende, attraktive Frau, die einen sehr energischen Eindruck macht, gewohnt ist, auf einer Bühne im Mittelpunkt zu stehen. Gleichzeitig fühlt sich der Betrachter durch diese Direktheit des Blicks, der unbedingte Aufmerksamkeit einfordert, und die überwältigende Energie etwas bedrängt. Ein blauer Engel – faszinierend, anziehend und doch kühl, in der Tat in der Lage, einen Mann ins Verderben zu ziehen, ohne selbst davon berührt zu werden? Daneben – quasi als Gegenstück – „Lido" – auch eine selbstbewusste Frau, die auf den Bühnen der Welt zu Hause ist, doch zurückgenommen, nachdenklicher, älter, verlebt mit Falten um Nase und Mund gezeigt wird. Durch die Verschattung der rechten Gesichtshälfte scheinen uns zwei verschiedene Gesichter anzublicken: Ein maskenhaftes, kühles, hartes – als Schutz gegen aufdringliche Blicke und Scheinwerfer, gegen die Anfechtungen des Lebens und ein warmes, müdes, mildes, ohne Maske, das ihre Verletzlichkeit und Menschlichkeit spürbar macht. Ausgangspunkt sind immer reale Porträts, doch verallgemeinert die Künstlerin sie, macht sie zum Sinnbild einer Haltung, eines Charakters unserer und/oder einer vergangenen Epoche. Besonders augenfällig wird das auch in dem farbig reduzierten Bild „Die Göre", aus dem uns ein verschmitzt-fröhliches Kindergesicht unbefangen entgegentritt. Es ist kein Porträt, wird auch nicht als solches benannt, sondern wird zum Sinnbild für Kindlichkeit, Frohsinn, Unbeschwertheit. Dass sich die Künstlerin sehr ausgiebig mit Symbolen beschäftigt, finden wir in vielen ihrer Bilder, in denen jene magischen Kreise, Sterne und versteckten Hinweise unmittelbar mit den dargestellten Figuren verschmelzen. Freimaurertum spielt eine nicht unbedeutende Rolle wie das Bild „Hiram" zeigt. In „Skull and Bones" steckt viel Symbolgehalt und jede Menge amerikanischer Geschichte. Das Zeichen des Totenkopfes ist uns vertraut. Es steht für Piraten, für Vanitas, für den Tod, für Gefahr. Und es ist es das Logo der 1832 gegründeten elitären Studentenverbindung „Scull and Bones" an der Yale-University. Die von den Mitgliedern gepflegte Verschwiegenheit, für die die umschließende Kette stehen mag, hat in den letzten 150 Jahren zu vielen Verschwörungstheorien geführt. Tatsache ist, dass Scull and Bones führende Vertreter in Wirtschaft und Politik hervorgebracht hat, so drei Präsidenten der USA. Ähnlich zeichenhaft „Eldorado" und „Lindwurm"(2012) – Sie wirken wie Wappentiere in ihren kreisrunden Schilden – der Panther oder Leopard und der Lindwurm sind „Krafttiere", wie sie die Künstlerin nennt, und uralte Symbole für Stärke, für Schutz, für Reichtum, die den Besitzer auszeichnen oder eben beschützen sollen. Der Lindwurm findet sich in Stadtwappen von Klagenfurt oder Ljubljana. Außerdem – aber eng mit ihrer mythisch-schützenden Bedeutung verbunden - finden wir hier eine kosmische Komponente: eingefasst von ebenjenen schon bekannten Kreisformen wirken diese Zeichen wie bedeutungsträchtige Sternbilder. Im Zentrum das Welttheater (2006). Grüne Formen, rot umrandet auf dunklem Grund - mutet an wie ein farbiger Teppich, gestört durch die Dreiteilung in Art eines Triptychons (religiöser Aspekt). Und doch verbunden in Form und Farbe. Zentral auch hier wieder der Kreis, der die Teile vereint, umschließt, der die wegstrebenden Energien bündelt, in sich konzentriert. Und der trotzdem zulässt, dass Einzelformen sich verselbstständigen, nach außen dringen, ohne jedoch die Ordnung zu zerstören oder aufzuheben. Somit haben wir hier das allumfassende Sinnbild für die Erinnerungen, Zeichen, Bilder für das, was das Leben ausmacht, für unsere Zeitgeister.