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Vorwort von Prof. Franz Bernhard Weißhaar, München-Landsberg

  • 12 März 2012
  • Prof. Franz Bernhard Weißhaar
  • Presse

Eva Bur am Orde mit ihrer FIGURATIVEN MALEREI zum Sprechen zu bringen, erfordert fürs Erste, manches zu sagen oder zu schreiben, was noch nicht wirklich Gegenstand oder Thema ihrer Malerei ist. Mag das auch irritieren, muss es dennoch als hermeneutisches Handanlegen gestattet sein, um schrittweise dem Werk der Künstlerin näher zu kommen, denn hermetisch sind ihre Bilder allesamt.


Abstand

Material und Zugriff
Die Leinwandflächen der Bilder von Eva Bur am Orde bedürfen für Stabilität und Statik massiver Spannrahmen, wodurch sie als Objekte gesehen eine erstaunliche Materialstärke aufweisen, die Raum beanspruchend wahrgenommen wird. Das haptisch Greifbare an Leinwand, Holz oder Papier gibt der Malerin eine Sicherheit, die auch für die Gestimmtheitund das Temperament des formenden Zugriffs mitbestimmend ist. Schon während ihrer Studienzeit konnte dies beobachtet werden an Arbeiten, die sie zur Diplomausstellung an der Akademie der Bildenden Künste München eingereicht hatte. Ihr Verhältnis zur Malerei als Handwerk ist nicht von überlieferten Maltechniken, Rezepten und Vorbildern bestimmt, sondern wird gleichsam neu inszeniert. Der Zugriff zur Farbmaterie, zu den Pigmenten, Bindemitteln, Ölen, Firnissen oder Lacken ist im wahrsten Sinn des Wortes handgreiflich und farbbegreifend: Ein mit Fingern Farbe Aufnehmen und auf die Leinwand Drücken, Streichen, Schmieren, Stoßen und Verreiben findet tatsächlich statt,wenn Eva Bur am Orde unzählig Kreise, Kringel, Wirbel, Mäander, Schleifen, Punkte auf die Leinwände und deren Seitenkanten setzt. Zu einer neugierigen Frage, wie denn das Malen im Atelier vor sich gehe, technisch,handwerklich, kritisch, bedächtig oder dynamisch, lautet ihre Antwort: Als gestisches Arbeiten und kontrolliert gebändigte Geste.

Noch weiter gefragt, etwa nach einer Themensuche oder gar nach dem Ringen um eine Bildidee und Varianten zu einem Entwurf, gibt die Malerin schlicht und knapp zu Protokoll: Ich habe eine Vision und arbeite schnell.

Möglicherweise wird eine solche Vision nicht einer blitzartigen Erscheinung gleich mit allen Details der linearen Komposition und Farbdramaturgie verstanden werden müssen, zumal es ja etliche sehr genaue Zeichnungen gibt, die auf Leinwänden aufgelegt für unterschiedliche Bilder Verwendung fanden. Dazu gehört der Fundus an Bildern der eigenen Kinder der Künstlerin, die zu mehrschichtigen Bearbeitungen je und je hervorgeholt wurden.

Schatten als Flächenform. Farblinien
Einige Bilder beziehen Wirkung aus der Methode, die im Schatten liegenden Bereiche durch starke Dunkelheiten den im Licht gedachten Bereichen entgegenzustellen, indem der Schattenfläche die Formbestimmung zuerkannt und Dreidimensionalität in Kauf genommen wird. Linienzeichnung definiert Volumina als Wahrnehmhilfe und zwingt mit Ornamentformeln das Auge der Hinschauenden zur zweidimensionalen Anschauung, der seit dem 20. Jh der Anspruch von Abstraktion und Objektivität anhaftet.Die gemeinten Bilder (2.B. ,,Die Freude", ,,Angst II", ,,Glauben, Hoffen, Lieben") sind zweischichtig - anders gesagt - in zwei Ebenen angelegt: Eine mit Ornamentelementen bedeckte Fläche bildet die zweidimensionale untere Ebene, eine andere lineare Figuration signalisiert als obere ,,Dreidimensional". Das Signal ,,Dreidimensional" aber gelingt derMalerin gerade nicht durch alt vertraute Schattierungen, sondern abrupt in übergangsloser Scharfabgrenzung von weißer beleuchteter und schwarzer Schatten-Form. Dagegen kann der dreidimensionale Bildausschnitt auch als geborgen im ornamentalen Kosmos verstanden werden, was auf Nahsicht überzeugend geht.

Ornamentbesetzte Flächen
Für die Malerin Eva Bur am Orde sind in unterschiedlichen Perioden ihres bildnerischen Experimentierens aufgefundene oder neu entwickelte Gestaltungselemente gleichsam zur
Signatur und Schlüsselfunktion geworden. Darunter nimmt die mit Kleinornamenten handschriftlich belegte Fläche die erste Stelle ein. Adolf Loos und seiner 1908 in einem Aufsatz verkündeten Parole ,,Ornament und Verbrechen' trotzend, malt Eva Bur am Orde Bilder:,, auf denen frei geformte meist nicht verbindlich definierte Kringel getrennt oder dicht an dicht Flächenbereiche bedecken. Die flackernde Chiffre, die nie und nirgendwo rastet, ob sie definiert und scharf oder verrauhend erscheint, pastos oder in tieferer Malschicht erahnbar ist, überall spricht sie ein Urteil und fängt im Gitter aus klassischen Rauten außerirdische Blumenkinder ein. Zu Schutz gegen Fragen und Kritik und Zorn dient die Chiffre erzählend von Liebe und Spielen.

Das offene Werk
Chiffren deuten an und öffnen Wege. Eva Bur am Orde legt in ihren Arbeiten ein Weltbild vor, über das sie ihre handschriftlichen Chiffren streut. In bildnerischem Umsetzen leistet sie Bewältigung von Schicksal und Vergangenheit und will erlebte Gegenwart in eine Botschaft für sich und Gruppen in unserer Gesellschaft aufbereiten.